Zivilcourage – so macht man es nicht

Ich glaube von mir selbst, ein moralisch relativ gefestigter Mensch zu sein. Meine Wertvorstellungen für ein menschliches Miteinander orientieren sich grob an christlichen Werten und werden durch Vernunft ergänzt. Bisher glaubte ich auch, für eine bessere Welt einstehen zu können. Da wurde ich heute leider eines besseren belehrt. Und das macht mir Angst. Furchtbare Angst.

Die letzten zwei Nächte verbrachte ich in einem ganz passablen Hotel in Ingolstadt. Man gab sich Mühe den Anschein eines feinen Hotels aufrecht zu halten – an einigen Kleinigkeiten war aber doch die Mittelklassigkeit zu spüren. Aber was soll’s – ich hatte auch schon schlimmere Hotels. Aufgrund viel liegengebliebener Arbeit entschied ich mich dennoch, auf der Terrasse des Hotels einen kleinen Happen zu Abend zu essen und bei einem Gläschen Wein die Arbeit zu erledigen. Das war eine folgenschwere Entscheidung…

Auf der Terrasse saß auch schon eine Gruppe Männer mittleren Alters beim Feierabendbierchen. Der einzig freie Platz war der Tisch daneben. Ich freute mich, dass diese Truppe mich einfach ignorierte – das letzte was ich nach einem anstrengenden Arbeitstag gebrauchen konnte war smalltalk – oder schlimmer – prolltalk. Zunächst unterhielten sich die Herren in normaler Lautstärke (also… was man für solche Gruppen als normal ansieht). Erst als ein junger Mann ohne Haare und vielen Tattoos hinzukam explodierte die Stimmung. Es wurde gejohlt und gebrüllt.

„Nagut, lass die Jungs halt ihren Spaß haben und verzieh dich nach dem Essen direkt auf dein Zimmer“ Klingt nach einem guten Plan, oder? Aber ich traute meinen Augen kaum, als ich beobachteten musste, wie der jungen Mann sich stramm an denn Tisch der Gruppe platzierte und „den Gruß“ unter viel Gejohle seiner Kollegen zelebrierte. Ab diesem Zeitpunkt wurden die Gespräche unerträglich rassistisch, homophob und frauenfeindlich. Die Kellnerin (gutaussehend und augenscheinlich aus dem Süden Europas) musste einige derbe Sprüche über sich ergehen lassen. Diese reichten von der übelsten Anmache bis hin zu „Was willst du eigentlich in Deutschland? Wir haben ja nichts gegen andere Weiße – aber deutsch müsst ihr schon sprechen.“ Sie schickte alsbald nur noch ihren Kollegen auf die Terrasse. Mich selbst ignorierten die Typen weiterhin. War wohl mein Glück – blond, deutsch, zum anbaggern nicht hübsch genug. Ich wechselte Blicke mit anderen Gästen und scheinbar waren alle ziemlich genervt von dieser Truppe. Mit zunehmenden Alkoholkonsum wurden die Gespräche am Nachbartisch nicht besser… Eher lauter und noch dümmer. Ich folgte also meinem Plan und verschwand so bald ich gegessen hatte.

Auf meinem Zimmer angekommen quälten mich drei Fragen:

  • Wieso habe ich nichts zu den Typen gesagt?
  • Wieso haben die anderen Gäste nichts gesagt?
  • Wieso hat der Kellner nichts gesagt?

Das Verhalten dieser Truppe war deutlich nicht akzeptabel – insbesondere nicht gegenüber der Kellnerin. Warum hat dem also niemand Einhalt geboten? Ich für meinen Teil hatte einfach Angst. Irgendwie war ich mir sicher, dass sie in der Öffentlichkeit nicht aggressiv werden – aber allein schon die Möglichkeit verbaler Gewalt machte mich fertig. Außerdem konnte ich mir der Unterstützung der anderen Gäste nicht 100%ig sicher sein. Zwar rollten alle ab und an mit den Augen – aber gesagt hat niemand was. Auch das Personal des Hotels nahm die lauten, rassistischen Sprüche schweigend in Kauf – schließlich machte man mit den Unmengen an Bier guten Umsatz.

Ich habe zwar nicht viel aus dem Geschichtsunterricht in der Schule mitgenommen, aber wenn ich eins gelernt habe, dann das: Schweigen zu unrechten Taten ist keine Option. Und doch habe ich es getan… Alle Anwesenden haben es getan… Und damit haben wir uns ein wenig mitschuldig gemacht.

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