Mehr als „nur“ Alltagsrassismus

In den neueren ICEs gibt es reservierte Plätze für Rollstuhlfahrer und deren Begleiter. Für die überwiegende Anzahl der Fahrten bleiben diese Plätze frei und werden gern von Mitreisenden ohne Reservierung genutzt. Wenn dann doch mal ein Rollstuhlfahrer einsteigt, steht man selbstredend für die Begleiter auf. So geschehen auch heute in einem typisch freitagnachmittagübervollen Zug. Ein junger Mann stand ungefragt und ohne zu zögern auf. Eine ältere Dame mit Kopftuch blieb sitzen, da ganz offensichtlich keine Begleitung für die Rollstuhlfahrerin, die ich so ungefähr auf Mitte 60 schätzen würde, dabei war. Hätte ich wohl auch so gemacht.
Die Rollstuhlfahrerin bat die ältere Dame aber aufzustehen. Vielleicht war die Begleitung ja noch auf dem Weg? Also stand die ältere Dame mit dem Kopftuch auch auf und begab sich auf die Suche nach einem freien Platz.
Die Rollstuhlfahrerin bedankte sich, stand auf (!), parkte ihren Rolli auf dem dafür vorgesehen Platz, breitete ihre Taschen und Jacken auf dem Fensterplatz aus und setzte sich selbst auf den Gangplatz. Im allgemeinen Gewusel des Ein- und Aussteigens am nächsten Bahnhof fragte ein junger Mann – Typ Businesskasper – ob die Rollstuhlfahrerin den Fensterplatz benötigen würde. Sie verneinte, bat ihn aber, die Taschen auf den Rolli zu stellen. Man sortierte sich also und alle waren zufrieden. Alle? Nicht ganz…
Die ältere Dame mit dem Kopftuch hatte noch immer keinen Platz gefunden und kam wieder zum Ort des Geschehens zurück. Erstaunt fragte sie in bestem Hochdeutsch, warum sie gebeten wurde aufzustehen und nun der junge Mann den Platz einnahm (der ganz offensichtlich nicht zu der Dame im Rollstuhl gehörte und sich nicht mit ihr beschäftigte sondern konzentriert Dinge in seinen Laptop tippte).
Die Dame im Rollstuhl entgegnete ihr nur kühl, dass dieser Platz für ihren Begleiter reserviert sei.

Ich frage mich ernsthaft, was in solchen Menschen vorgeht…

Frauen sind zur Freundschaft nicht fähig

Ihr kennt mich. Mein Leben orientiert sich größtenteils an zwei Dimensionen: Freundschaft und Arbeit.
Während letzteres in den meisten Phasen meines Lebens ganz ordentlich und ohne all zu große Stolpersteine verläuft, macht mir das Thema „Freundschaft“ immer mal wieder zu schaffen. Dumme Verhaltensweisen ziehen sich wie rote Fäden durch mein Leben:

  • Ich vergraule Menschen schon in frühen Stadien des Kennenlernens, weil ich mich entweder zu selten melde und nur wenig Zeit habe oder aber deutlich zu viel Zeit investieren möchte
  • Ich bin naiv und glaube an eine ehrliche und tiefe Freundschaft zwischen Männern und Frauen (jaja – diese alte Diskussion sparen wir uns an dieser Stelle bitte)
  • Ich vertraue Menschen zu schnell, die es leider nicht verdienen, meine Seele derart zu berühren
  • Ich neige zu Eifersucht (hier ist nicht die romantische Eifersucht gemeint, sondern der Neid, dass Freunde mehr und qualitativ hochwertigere Zeit mit anderen Menschen verbringen als mit mir)

Das alles führte bereits zu vielen Nächten in denen die Gedanken Karussell fahren. Oft lag ich totmüde stundenlang wach, dachte über die eine oder andere zerbrochene Freundschaft nach – weinte mich dann zu häufig in den Schlaf (das macht doofe, hässliche und rote Augenringe am nächsten Morgen. Tut das nicht.)

Die letzten Wochen gaben mir den einen oder anderen Anlass, mal wieder über mein eigenes Verhalten und Freundschaften nachzudenken.

  • Ich fühlte mich (vollkommen ungerechtfertigt!) vernachlässigt – und das auch noch von zwei unabhängigen Seiten
  • Ich hatte Angst, ein Mensch den ich in sehr kurzer Zeit ins Herz geschlossen habe, würde Berlin – ja sogar Deutschland – bald wieder verlassen (nachdem das zwei andere liebe Menschen bereits getan haben)
  • Ein ehemaliger Freund, antwortete nicht auf meinen Versuch, per Geburtstagsgruß den Kontakt wiederherzustellen

Eingelullt in all diese düsteren Gedanken hörte ich gestern in einem Podcast ein historisches Zitat, das die Lösung all meiner Sorgen zu sein scheint: „Die geistigen Gaben der Frauen reichen gemeinhin nicht zu dem Gedankenaustausch und Umgang hin, noch scheint ihre Seele stark genug, um die Spannung eines so fest geknüpften und so dauerhaften Bandes zu ertragen.“ (Michel de Montaigne, Philosoph 1533-1592)

Ich als Frau bin also gar nicht zu Freundschaft fähig! Das ist eine Erleichterung sondergleichen. Wenn der Herr Montaigne recht hat, muss ich mir ja gar keine Gedanken mehr machen. Phuuuu ;o)

Dumm nur, dass ich in einer etwas moderneren Welt lebe und der Meinung bin, dass meine geistigen Gaben ausreichend sind und meine Seele stark genug ist, um das Band der Freundschaft zu ertragen. Ich muss nur noch lernen, sorgfältiger mit der Ressource „Freund“ umzugehen.

PS: An dieser Stelle möchte ich allen Herzmenschen danken, die über diverse Kommunikationskanäle nach meinem Wohlbefinden fragten, als ich mal wieder tief in einer solchen „Mimimi“-Phase steckte. Mehr als „Mimimi“ können diese Phasen eigentlich auch nicht sein… denn mir geht es mehr als gut, solange ich Menschen wie euch habe ❤

Ein Wochenende Wellness für zwei

Mein Schwesterherz und ich sind so unterschiedlich wie Geschwister nur sein können. Sie ganz der Papa – ich ganz die Mama – und unsere Lebensentwürfe decken sich nicht mal ansatzweise. Hinzu kommt ein Altersunterschied von stolzen 7 Jahren. Dennoch sind wir in den letzten Jahren zu einem „ordentlichen“ Geschwisterpaar herangewachsen, zoffen uns nicht mehr bei jeder Gelegenheit und kümmern uns umeinander. Ich möchte sogar soweit gehen und behaupten, dass wir in den letzten Jahren in Zusammenhang mit diesem ominösen „erwachsen werden“ auch Freundinnen geworden sind.

Zu dieser „neuen“ Konstellation gehört auch ein gemeinsames Wochenende, das wir mindestens einmal im Jahr zusammen verbringen wollen. In diesem Jahr sollte es auch wirklich ein Wochenende nur für uns sein. Keine Kinder (ihre), keine Männer, keine Freunde. Schnell einigten wir uns auf das Tropical Island und eine Übernachtung in einem der Häuschen in der Halle.

Alles in allem war das ein wunderbares Wochenende mit vielen Saunagängen, herausfordernden Aufgüssen, einer Massage und ganz wichtig: Schirmchendrinks.

Dennoch gab es ein paar Punkte, die mich dieses Mal im Tropical Island irgendwie gestört oder geärgert haben:

  • Es gibt das tropische BBQ nicht mehr als „All you can eat“. 1x Salat, 1x Suppe, 1x Hauptgang (in den gleichen winzigen Schüsselchen, in denen noch letztes Jahr mehrere Hauptgänge gereicht wurden) und 1x Dessert kosten aber immer noch stolze 15,- Euro. Dieser Preis wäre absolut ok, gäbe es größere Schüsselchen.
  • Viele Menschen im Saunabereich kennen die Regeln trotz vieler Hinweisschilder und Piktogramme nicht (oder ignorieren sie einfach). Sie gehen bekleidet in die Sauna, nutzen die Duschen nicht, belegen Plätze vor einem Aufguss mit dem Handtuch, vergnügen sich nicht jugendfrei im Whirlpool. Da könnte die Crew die Kontrollgänge, die ja durchaus durchgeführt werden, gerne mal verstärken.
  • Die gemütliche Moody Lounge wurde umgebaut und büßte somit viel Flair ein. Insbesondere die Fernseher mit der Fussballübertragung störten.
  • Die Thai-Massage war eher eine Mischung aus Thai- und traditioneller Massage. Damit haben wir nicht gerechnet. (Trotzdem war sie unglaublich gut und meine Schulter tut gerade mal nicht weh)

Trotz dieser ärgerlichen Kleinigkeiten haben wir aber den Zustand der glückseeligen Tiefenentspannung erreicht und bereuen dieses durchaus teure Wochenende überhaupt nicht. Aber vielleicht suchen wir im nächsten Jahr ein anderes Ziel. Alternativen gibt es ja schliesslich genug. Ich zum Beispiel würde unglaublich gerne mal die Therme in Erding ausprobieren. Aber egal wohin es uns nächstes Jahr treibt: hauptsache ein Wochenende lang Wellness, hauptsache mit meiner Lieblingsschwester.

Ein Wochenende mit Freunden

Ich habe mich ja schon oft gefragt, was Menschen eigentlich zu Freunden macht (z.B. Freundschaft) und manchmal zweifle ich auch daran, ob all die Menschen, die ich als Freunde bezeichne, tatsächlich diesen Titel verdienen…

Alljährlich veranstalte ich ein Sommerfest im Garten meiner Eltern. Geboren wurde diese Idee im Jahre 2003 als ich in Coburg lebte und all meine Herzmenschen und Freunde aus Berlin nur selten sehen konnte. Was lag da näher, als:

  • Alle Freunde anrufen und für ein Wochenende einladen
  • Zelte aufbauen
  • Ein Lagerfeuer entzünden (und die obligatorischen Lieder singen)
  • Gemeinsam kochen
  • Gemütlich zusammen sitzen
  • Das eine oder andere Bierchen trinken (natürlich Eschenbräu)

FeuerKONICA MINOLTA DIGITAL CAMERAkochen

Mittlerweile ist dieses Wochenende deutlich organisierter (ich lasse kochen und das leckerste Bier Berlins gibt es aus logistischen Gründen leider auch nicht mehr) – aber der Grundgedanke ist immer noch da. Ich sehe all die Menschen, die mir am Herzen liegen ein ganzes Wochenende und sorge soweit es geht dafür, dass sie eine gute Zeit haben.

Mit den Jahren wurde diese Veranstaltung sehr beliebt und der Garten stößt an die Kapazitätsgrenzen. Es gibt keine Fläche für weitere Zelte, am Lagerfeuer können nicht mehr alle Gäste Platz nehmen und von der Schlange vor der Dusche am Morgen möchte ich gar nicht erst reden. Daher musste ich auch dieses Jahr wieder überlegen, wen ich einlade und wen nicht. Um euch mein Dillemma dieser Entscheidungsfindung etwas näher zu bringen, gebe ich hier ohne Wertung einige meiner Gedanken wieder:

  • Na klar müssen meine ältesten Freunde dabei sein!
  • Aber ich möchte auch neue Freunde einladen!
  • Und überhaupt. Was habe ich mit Person X denn noch zu tun? Wir sehen uns doch eigentlich nur zum Sommerfest
  • Hat sich Person Y eigentlich jemals bei mir gemeldet?
  • Wie gern hätte ich liebste Freunde aus Huntlosen dabei… aber das geht aus gesundheitlichen Gründen leider nicht.
  • Ob es Personen A, B und C wohl letztes Jahr gefallen hat? Kannten ja niemanden weiter und blieben eher unter sich.
  • Ach – ich lad sie einfach wieder ein. Absagen können Sie ja immer noch.
  • Einer meiner Herzmenschen wird endlich mal Zeit haben! \o/
  • Bitte was? Du möchtest 5 (in Worte: fünf) weitere Personen mitbringen, die ich nicht kenne? Ähm… eher nicht.

Am Ende waren es 30 erwachsene Gäste (soweit man bei dieser Truppe von „erwachsen“ reden kann) und 7 Kinder… und ich habe mich über jeden einzelnen Gast – groß wie klein –  gefreut!

Alte wie neue Freunde verbrachten eine schöne Zeit (bilde ich mir zumindest ein) und ich bin überzeugt davon, dass es genau die richtige Mischung an Leuten war. Ich sah den Großteil meiner Vergangenheit, meine Gegenwart und meine Zukunft versammelt an einem Platz und ich habe mir mehr als einmal gewünscht, dass solche Harmonie beständig sein möge.

In diesem Jahr wurde mir die Bedeutung meiner Freunde besonders bewusst, da ich mich leider auch von einem Freund aus Kindertagen für immer verabschieden musste. In dieser schweren Zeit konnte ich mich nach dem Abschied einfach in offene Arme fallen lassen und  still in Erinnerungen schwelgen. Mir wurde so wieder mal vor Augen geführt: Ich kann mich auf meine Freunde verlassen – sie sind für mich da wenn ich sie brauche.  Auch wenn wir uns nur einmal im Jahr sehen.

Das alles sind Gründe, dass es – trotz zunehmendem Organisationsstress – auch im nächsten Jahr wieder ein wundervolles Wochenende mit Freunden, Lagerfeuer, Zelten, Essen, Getränken und Gesprächen geben wird. Ich freue mich schon jetzt drauf.

Mythodea – Abschiedsgedanken

Der Abreisetag war im Großen und Ganzen ein ganz normaler Abreisetag – nur besser organisiert. Auf das Gelände durften nur PKW fahren, die der Spielleitung nachgewiesen haben, dass sich alles Gepäck fertig in der Ladezone befindet. So wurde verhindert, dass zu viele Autos die wenigen Stellplätze unnötig lange belegen. Um es kurz zu fassen war unser Tagesablauf wie folgt:

  • Frühstück und Kaffee
  • Verabschiedungen, Knuddeln hier, Umarmungen da
  • Klamotten packen, Zelt abbauen
  • Lange – politisch motivierte – Gespräche während wir darauf warteten, dass es in der Ladezone leerer wurde
  • Einpacken und losfahren ohne einen Blick zurück zu werfen

Die Heimfahrt war sehr still und es dauerte nicht lange, dass meine Mitfahrerinnen eingeschlafen waren. Die paar Kilometer von Hannover nach Berlin kamen mir noch nie so anstrengend vor. Spät am Abend durfte ich dann auch endlich in mein kuschlig weiches Bettchen fallen und sofort einschlafen. Gedanken über die vergangenen Tage machte ich mir erst beim Schreiben der vergangenen Blogposts und es gibt noch immer Einiges, das nicht zu Ende gedacht ist. Darum bewerfe ich euch jetzt einfach mal mit ein paar Gedankenfetzen. Fühlt euch frei, sie mit mir zu diskutieren – hier oder persönlich.

  • Larp ist ein Hobby das man nicht nebenbei macht. Gewandungsgrillen kann man notfalls auch auf dem Tempelhofer Feld veranstalten. Sieht dann zwar seltsam aus, bedeutet aber sicher nur marginalen Unterschied.
  • Eine Veranstaltung über mehrere Tage ist deutlich intensiver als ein Tavernenabend und ich finde, diese Zeit sollte man mehr intime als outtime verbringen.
  • Sich als Anfänger einer Gruppe anzuschließen, die schon seit vielen Jahren spielt kann zwei Effekte haben:
  1. Man selbst wird lethargisch, findet alles langweilig, nimmt nicht am Spiel teil. Warum? Langjährige Spieler neigen zu einer Langeweile-Haltung während des Spiels. Hat man ja alles schon gesehen oder gehört – nichts kann mehr faszinieren. Alle Heldentaten sind schon erlebt und besungen – der Fantasie bleibt kein Raum. Dieses Verhalten steckt leider auch Anfänger an.
  2. Die langjährigen Spieler entdecken durch den Enthusiasmus des Neulings wieder, warum sie dieses Hobby vor langer Zeit überhaupt mal angefangen haben. Die Faszination der Fantasie wird wieder erweckt.
  • Für mich persönlich soll LARP in Zukunft ein Mittel sein, meine Schwächen zu bekämpfen oder zumindest zu lernen mit ihnen umzugehen. Ich weiß ziemlich genau in welchen Bereichen ich Defizite habe und dieses Hobby bietet mir in mehr als einer Hinsicht die Möglichkeiten, genau in diesen Bereichen an mir selbst zu arbeiten.
  • Ich hoffe, in Zukunft auch von Heldentaten berichten zu können – aber dazu muss ich vor allem eines tun: spielen! Genau das werde ich auch tun – notfalls in einer anderen (noch zu findenden) Gruppe.
  • Mythodea ist eine Großveranstaltung und es hat sich gelohnt, das alles einmal erlebt zu haben. Ob der Preis einen zweiten Besuch wert ist, weiß ich noch nicht so richtig. Hier geht es mir allerdings weniger um den Eintrittspreis als mehr um die Woche Urlaub, die dabei zwangsweise draufgeht.
  • Auch wenn ich viele negative Stimmen zur Orga und zum Plot gehört habe: für mich als Neuling und mit kindlichem Blick auf das Geschehen war das alles sehr spannend und aufregend. Die Stadt mit all den Händlern, die liebevoll gestalteten Lager, das Siegel, die teils fantastischen Palisaden (insbesondere im Luftlager), die kunstvollen Darbietungen auf dem Hauptplatz der Stadt (Feuer- und Wassershows), die Musik, und noch soooo viel mehr.

Mir gehen noch viel mehr Gedanken durch den Kopf, wenn ich Mythodea Revue passieren lasse. Leider sind diese wirren Fetzen noch nicht richtig formulierungsbereit. Darum erspar ich sie euch lieber.

Schlussendlich möchte ich mich bei ein paar lieben Freunden ganz besonders bedanken:

  • Elli, die mir unermüdlich morgens die störrischen Haare zu einer praktischen Frisur geflochten hat. Vielen Dank dafür!
  • Die Crew des Jolly Rouge, die mir mit dem eigentlich nicht vorhanden Service eine wunderbare Zeit, einen Zufluchtsort und vor allem morgendlichen Kaffee und andere leckerste Drinks geboten hat. Vielen Dank dafür.
  • Lena, die mich immer wieder aus meiner Lethargie herausholte und mir zeigte, dass Rollenspiel wirklich Spaß machen kann, wenn man dazu bereit ist. Vielen Dank dafür!
  • Georgi, die das alles auch zum ersten Mal erlebte und die Gruppe mit Enthusiasmus und unglaublicher Entspannung (gleichzeitig!) ansteckte. Georgie, thank you for sharing this experience. I enjoyed being relaxed and excited with you about all the new impressions!
  • Marko, der mit netten und gemütliche Abenden und einer rauschenden Geburtstagsfeier dafür sorgte, dass schlechte Laune immer wieder schnell verflog. Vielen Dank dafür!
  • Andy (der gehirnstuermer) der mich überhaupt erst überzeugt hat, mitzufahren und sich die gesamte Zeit rührend um mich und meine Launen gekümmert hat. Danke für alles ❤

Fühlt euch alle herzlichst umarmt und gegebenenfalls geküsst. Ich hatte eine großartige Zeit, auch wenn das manchmal nicht ganz so den Eindruck gemacht hat.

„Wir sehen uns in Mythodea!“ Vielleicht.

Mythodea – Ungeahnte Dimensionen

Die Kinder im Nachbarlager waren am Samstag morgen sehr gnädig, so dass wir wirklich lange schlafen konnten und uns lediglich die gestaute Hitze im Zelt aufweckte. Dass es bereits fast Mittag war, störte uns erstaunlich wenig. Nach dem obligatorischen Kaffee im Jolly Rouge verbrachten wir den größten Teil des Nachmittags bei Freunden in der Vorstadt, wo wir ausgefeilte Intime-Geschäftsideen ausarbeiteten. Diese Gespräche waren eine seltsame Mischung aus intime und outtime, die mich aber aufgrund des Humors wenig verstörten. Ich fand es faszinierend, wie man trotz solch alberner Gespräche das Gefühl haben kann, intime zu sein. Diese neue Erfahrung sollte ich versuchen umzusetzen und den Status „intime“ nicht als ein Extrem anzusehen.

Eine meiner Mitfahrerinnen spielte in einem komplett anderen Lager und wir hatten auf der Hinfahrt ausgemacht, dass wir alles nötige für die Rückfahrt absprechen, wenn wir uns mal zufällig über den Weg laufen. Das war bis dahin noch nicht geschehen. Dieser Fakt machte mir unter anderem klar in welchen Dimensionen sich diese Veranstaltung abspielte. Auf normalen Cons trifft man sich immer mal wieder, quatscht ein bisschen, geht wieder seiner Wege… das war hier anscheinend nicht einfach so möglich. Also beschloss ich, sie suchen zu gehen, um mit ihr die Abfahrt am nächsten Tag zu besprechen. Zumindest ihr Lager und ihre allgemeine Rolle kannte ich ja. Dummerweise wußte ich ihren Charakternamen nicht. Wie also frage ich mitten im Spiel in einem fremden Lager nach einer Person, deren Namen ich nicht kenne? Ihren richtigen Namen wollte ich nicht verwenden, da das das Spiel für die anderen kaputt machen würde. Also schlenderten wir erstmal zu ihrem Lager und suchten das Lazarett – dort sollte man doch eine Heilerin finden können, oder? Ein hilfsbereiter Spieler versuchte uns aufgrund der Beschreibung zu helfen und führte uns dann in eines der Zelte. Dort fanden wir zwar nicht meine Mitfahrerin aber eine grandiose Idee. Das Lager der Heiler hatte sich eine Fotowand gebastelt – jeder Charakter mit Intime-Name war dort abgebildet. Nun kannten wir auch ihren Namen. Leider war sie aber nicht im Lager anwesend – also liessen wir ihr einfach die nötigen Informationen ausrichten.

Während der Suche nach der Mitfahrerin fiel mir wieder einmal auf, wie viel schöner die anderen Lager sind. Selbst die Palisaden im nördlichen Lager waren viel imposanter als die unseren. Sollte ich noch einmal nach Mythodea reisen, möchte ich jedenfalls nicht wieder im Wasserlager residieren. Es gibt so viele Möglichkeiten und Orte auf diesem riesigen Gelände, dass man nicht unbedingt nach der scheinbar günstigsten Lage aussuchen sollte. Das Wasserlager sah auf dem Lageplan zwar sehr sympathisch aus – war dann aber doch ein riesiger Reinfall. Sowohl vom Ambiente her als auch von der Lage. Am meisten beeindruckt hat mich immer noch das Feuerlager. Ich glaube da würde ich im nächsten Jahr gerne wohnen. Oder in der Stadt.

Dort war nämlich immer Action. Die Stadt die niemals schläft. Besonders interessant fand ich die Spiele der Straßengangs. In einer Art „Capture the flags“ ging es darum, möglichst viele grüne Bänder der gegnerischen Banden zu ergattern – notfalls mit roher Gewalt und Knüppeln (aus Schaumstoff natürlich). Die Mädels des Jolly Rouge („Les amies“) erspielten – soweit ich das mitbekommen habe – den zweiten Platz um die Bänder. Wirklich spaßig anzuschauen war dann aber das Finale der Spiele. Alle beteiligten Gangs trafen sich auf dem Hauptplatz der Stadt zu einer riesigen Rauferei. Die „Amies“ schafften es sogar unter großem Jubel aus dem Jolly Rouge als letzte Gang aufrecht zu stehen und das Finale für sich zu entscheiden. Der gehirnstuermer war der Meinung, ich selbst würde auch gut in eine solche Gruppe passen. Darüber dachte ich lange nach. Natürlich hätte das einige charmante Effekte, in einer solchen Gang zu spielen:

  • Ich wäre nicht auf die Rolle des Magierlehrlings beschränkt
  • Ich hätte an den Nachmittagen Beschäftigung wenn es den anderen Spielern unserer Gruppe zu warm ist, etwas zu unternehme
  • Die intensiveren Vorbereitungen (Kleider nähen etc.) schweißen eine solche Gruppe sicher enger zusammen als die kurze Absprache „Wann fahren wir?“
  • Ich könnte Hemmungen schneller abbauen
  • Ich könnte mal üben, über einen längeren Zeitraum mit einer Mädchengruppe klar zu kommen.

Dennoch ist dieser Vorschlag aus einem einzigen Grund nicht umsetzbar – selbst wenn ich das Glück hätte, in einer solchen Gruppe willkommen zu sein: Ich bin Bewegungslegastheniker. Kontrollierte Bewegungsbläufe sind nicht so ganz meins. Wenn ich mir vorstelle, in dieser Rauferei die Fäuste, Knie und Ellbogen rechtzeitig abbremsen und ordentlich fallen können zu müssen, weiss ich schon jetzt: Das macht reales Aua. Für die anderen. Das will ich nun wirklich nicht.

Da die Temperaturen mittlerweile erträglicher wurden und die fiese Riesenblase den gehirnstuermer auch nicht mehr ganz so schlimm plagte, verfolgten wir unseren gefassten Plan und und schauten uns „Argus“ (den Bösewicht) in seinem Käfig an. Dabei stolperten wir quasi direkt in den Anfang der Endschlacht. Natürlich wollten wir uns nicht beteiligen… aber zusehen. Darum gaben wir uns dem verpönten Schlachtfeldtourismus hin. Allerdings hatten wir sogar intime eine gute Entschuldigung für dieses Verhalten. Schliesslich sollte Alia ja mal sehen, wie so eine Schlacht aussieht und wie man sich als Magier da nützlich machen kann. Das Ganze dauerte stundenlang – immer wieder tauchten neue gerüstete Spielergruppen auf, die total wild darauf waren, sich in das für mich undurchsichtige Getümmel zu stürzen. Der gehirnstuermer hatte großen Spass daran, dem Schlachtfeldschach zu folgen (Welche Banner bewegen sich wohin? Welche Strategien werden verfolgt?). Da ich mit 1,66m nicht unbeding als großgewachsen gelte, beschränkte sich mein Gesichtsfeld größtenteils auf Schultern und hochgestreckte Langwaffen. Nicht unbedingt spannend. Irgendwann fanden wir aber eine kleine, halbwegs sichere Anhöhe, von der auch ich das Geschehen gut überblicken konnte.

Ganz allgemein ist so eine Endschlacht schon sehr martialisch und hinterlässt einen aggressiven Eindruck. Ich konnte und wollte mir nicht vorstellen, was passiert, wenn jemand tatsächlich aufgrund einer realen Verletzung zu Boden geht.

  • Bemerken die Spieler im Umfeld, dass es sich um eine echte Verletzung handelt?
  • Wird jemand helfen können?
  • Besteht die Gefahr einer Massenpanik?
  • Wie bekommt man Verletzte aus diesem Gedränge raus?

Mitten in diesem Gedankengang geschah Seltsames auf dem Feld: in einem großen Umkreis knieten sich die Spieler ruhig nieder, Schlachtschreie verstummten schlagartig und in der Mitte stand jemand mit hochgereckten roten Fahnen. Kurz darauf kam der Rettungswagen und tat seine Pflicht. Ich war schlichtweg beeindruckt. So viel Disziplin und Koordination hätte ich in diesem Szenario nicht erwartet. Respekt an alle Spieler und Spielleiter.

Mir bzw. Alia fiel auf, dass die meisten der Magier genau wie sie nur tatenlos herumstanden und sich das Gemetzel betrachteten. Daher setzte sich Alia ein sehr ehrgeiziges Ziel für die Zeit nach Ihrer Ausbildung: Es muss doch möglich sein, durch Diplomatie und gekonnte Rethorik, selbst egozentrische Magier dazu zu bewegen, an einem Strang zu ziehen und die Krieger z.B. mit magischen Rüstungen oder Heilung zu unterstützen. Ehrgeizig aber machbar. In ein paar Jahren. In einer anderen Dimension. Oder so.

Nach dem Finale der Schlacht und der Vernichtung der bösen Figur des Argus warteten wir noch auf weitere Geschehnisse, zogen es aber vor, den Zubertermin nicht verfallen zu lassen. Sauber und entspannt starteten wir dann gegen Mitternacht in die größte Partynacht der Veranstaltung. Zumindest wurde mir sie als solche angepriesen. Ich konnte allerdings wenig Unterschied zu den anderen Nächten feststellen. Vor allem fehlte mir die Tavernenstimmung, die ich von früher kannte. Wein, Weib und Gesang. Wieso kam das denn auf einer so großen Veranstaltung nicht zum Tragen? Ich hatte irgendwie erwartet, von einer Taverne in die nächste zu ziehen und überall alte und neue Lieder zu hören. Das war aber leider nicht der Fall. Wenn tatsächlich mal Musik gespielt wurde, waren es entweder nur zu laute und eintönige Trommeln oder Lieder die ich nicht kannte und die auch wenig Tavernenstimmung erzeugten. Ich stellte die These auf, dass dieses Potential eher die alten Lieder haben. Der große Rest der Gruppe war der Meinung, dass die alten Lieder schon tausendmal gehört und eher langweilig sind. Die ganze Nacht hindurch vermisste ich aber genau diese alten Lieder, den gemeinsamen Gesang, das Gejohle.

Eigentlich wollten wir nur kurz auf einen Abschiedstrunk im Jolly Rouge vorbei schauen… und ich staunte nicht schlecht, was da vor sich ging. Gitarren, Gesang, Trommeln… und die alten Lieder. Da war sie – das Stimmung nach der ich mich so sehr gesehnt hatte. So blieben wir bis zum Morgengrauen, sangen, lachten, hatten unglaublich viel Spass. Auch wenn ich mich jetzt ein wenig weit aus dem Fenster lehne – aber ich glaube trotz der vorangegangen kontroversen Diskussion hatte auch der gehirnstuermer im Jolly Rouge den größten Spass des Abends. Mit den alten Liedern.

Mythodea – Zeit der Vernunft

Der Freitag in Mythodea begann mit lautem Ach und Weh. Der gehirnstuermer hatte sich am Vortag eine Blase gelaufen, die trotz spezieller Pflaster und Kompresse von den Johannitern größer und schmerzafter wurde. Er überlegte sogar, vorzeitig abzureisen. Ich selbst stand also den ganzen Vormittag vor der Entscheidung, ob ich dann mitfahren würde oder nicht. Allein da bleiben schien mir irgendwie seltsam – da er ja auch den Großteil der Gruppe und vieles von dem Gepäck mitnehmen müsste. So saßen wir lange im Jolly Rouge bei Frühstück und Kaffee und diskutierten die zur Verfügung stehenden Optionen. Als wir die nötigen Maßnahmen analysierten, stellten wir fest, wie viel realen Aufwand eine vorzeitige Abreise bedeuten würde und er entschied sich schlußendlich dagegen – zur Erleichterung der ganzen Gruppe.

Diese fiese Riesenblase verhinderte dann auch dass  wir den am Vortag gefassten Plan vollständig umsetzen konnten. Durch die Lager laufen, Questen lösen, vielleicht sogar vor Schlachten wegrennen war einfach nicht möglich – was aufgrund der unglaublichen Hitze vielleicht sowieso nicht die besten Idee gewesen wäre.

Wenigstens den ersten Punkt des Plans nahmen wir in Angriff. Im Schatten unserer Zelte im Lager setzten wir uns gemeinsam hin und ich erhielt meine erste Lektion in Magie-Theorie.  Der Unterricht war unglaublich spannend und wirklich interessant Ich fand so auch schnell in meine Rolle und obwohl wir nur zu zweit waren, bereitete mir das Spiel großen Spaß.  Mein neu erlangtes Wissen wurde am Abend sogar mit einem befreundeten Priester diskutiert und um neue Aspekte erweitert. An solche „magie-wissenschaftlichen Erörterungen“ könnte ich mich wirklich gewöhnen und sobald ich mehr Wissen angesammelt habe, werde ich darin bestimmt auch sicherer. Bis dahin fühle ich mich in der Rolle des Lehrlings sehr wohl. Diese Erfahrung des kleinen aber feinen Spiels überzeugte mich auch wieder, dass LARP ein interessantes Hobby ist, das wirklich Spass machen kann.

Nach drei Tagen brütender Sommerhitze, Staub und fettigem Essen, das sich auf der Kleidung verteilte, beschloss ich endlich mal meine Klamotten auszuwaschen. Dank der Temperaturen waren alle Sachen auch in wenigen Stunden wieder komplett trocken. Wie machen das eigentlich andere Spieler? Investieren sie ausreichend Geld oder Freizeit um selber zu nähen, so dass sie genügend Wechselsachen haben? Lassen sie den Dreck einfach Dreck sein? Letzteres vermute ich ja fast… ist aber keine Option für mich. Ich war mit der Entscheidung diesen kleinen Arbeitseinsatz zu erledigen im Endeffekt sehr zufrieden.

Am Abend bekam unsere illustre Gruppe Verstärkung von einer Freundin, die dem Orga-Team angehörte. Diese junge Dame ist keine Freundin von mir – ich habe sie bis dahin nur einmal getroffen – aber meine Freunde lieben sie wie eine kleine Schwester. Normalerweise komme ich mit fremden Menschen sehr gut zurecht und bin auch in der Lage Menschen zu akzeptieren, mit denen ich nicht so viel anfangen kann. Leider verhält es sich anders bei dieser sicherlich sehr netten jungen Frau. Ihr kennt das vielleicht, wenn von Anfang an die Chemie nicht stimmt… Jedenfalls ermüden mich ihre endlosen Monologe und manche Themen machen mich durchaus auch aggressiv. Dieses Verhalten ist keineswegs ihr Fehler – sondern ganz allein mein Problem, mit dem ich lernen muss umzugehen. Da ich weiss, wieviel sie den Jungs bedeutet, versuchte ich, dem Abend gelassen entgegen zu sehen. Doch schon nach 10 Minuten merkte ich, wie ich ungeduldig wurde, ihr nicht mehr zuhören mochte und Gefahr lief, Kommentare abzugeben, die ich später bereuen würde. Also zog ich die vernünftige Konsequenz und zog mit einer Freundin allein durch die Tavernen und durch das Lager der Vorstadt.

Der Abend ohne die Jungs war durchaus auch erholsam und eine weitere sehr vernünftigte Entscheidung.