Gab es die 1990er wirklich? Ein Rückblick mit Ausblick

Drüben bei Facebook fragte meine Jugendfreundin Christine heute „Sind wir uns eigentlich ganz sicher, dass es die 1990er Jahre wirklich gegeben hat? Und falls ja, warum erinnere ich mich dann an so gut wie gar nichts mehr…“

Ja es gab sie, da bin ich mir ziemlich sicher – denn ich erinnere mich noch sehr gut daran. Positiv wie auch negativ. Eigentlich sogar so negativ, dass ich die Freundin um ihre Gedächtnislücke ein wenig beneide.

In den 1990ern war ich Teenager – und zwar war ein furchtbarer:

  • Das erste Mal verliebt… natürlich in den tollsten und schönsten Jungen der Gegend. Für ihn war und blieb ich aber die Nachbarin mit der man als Kind tolle Buden gebaut hat, auf Bäume kletterte und diversen Unsinn anstellte.
  • Mein Drang „frei“ und „unabhängig“ in meinen Gedanken und in meinem Tun zu sein war überwältigend. Sehr zum Ärger meiner Eltern. Es gab ständig Streit. Dafür kann ich mich gar nicht genug bei meiner Familie entschuldigen.
  • Auf der Suche nach meiner eigenen Persönlichkeit verlief ich mich einige Male ganz mächtig in den verschiedensten Ecken menschlichen Daseins.
  • Ich war anders. Außenseiter par excellence. Das störte mich aber nur selten, denn ich wollte mich partout nicht den verschiedenen Gruppenzwängen aussetzen, um „nur“ dazu zu gehören.
  • Die zweite Hälfte der 90er verbrachte ich größtenteils mit meiner damaligen großen Liebe. Ein junger Mann, der ebenfalls nicht cool und hip war. Wir verstanden uns meistens prächtig und glaubten an das große Glück. Eine solche enge und langanhaltende Bindung im Teenageralter sehe ich heute als extrem schwierig an. Meiner gesamten Persönlichkeitsentwicklung, meinem Entdeckerdrang und besonders meiner sekundären Sozialisation habe ich damit jedenfalls keinen all zu großen Gefallen getan.

All das führte dazu, dass ich mir schon früh ein Selbstbildnis schuf, das auf Bestätigung von aussen angewiesen war und die eigene Rebellion gegen dieses Bild von mir machte mich zu einem unglaublich anstrengenden Teenager – sowohl für die Familie als auch für Freunde.

Aber ja, ich hatte Freunde. Sehr gute sogar. Wenn auch nur wenige. Die anfangs erwähnte Jugendfreundin Christine gehörte in jedem Fall dazu. Mit diesen Freunden erlebte ich auch viele wunderbare Momente, die es wert sind, sich zu erinnern. Wir teilten das schwere Los des „Erwachsenwerdens“, lachten und weinten gemeinsam. In den späten 1990ern sorgte ich mit meinem Verhalten aber leider auch dafür, dass sich in ein paar Fällen „Freunde“ (aka Menschen, die ich dafür hielt) von mir abwandten. Die Schule wurde für mich zu einem sozialen Pflichtprogramm. So gern ich auch lernte – ich hasste es dort hin zu gehen. Die Kür fand dann am Nachmittag statt – wenn ich so sein durfte wie ich war, wenn ich meine wahren Freunde treffen konnte.

Was genau stellt man mit einer solch verkorksten Jugend an? Man lässt sie einfach hinter sich, vergisst sie, meidet alles und jeden was die Erinnerung an diese Zeit aufleben lassen könnte. Geht ganz einfach – habe ich jahrelang so gemacht.

Ich kann weder Zeitpunkt noch Ursache genau benennen – aber irgendwann blickte ich nicht mehr mit schlechten Gefühlen in die 1990er zurück. Heute sehe ich mir sogar gern Fotos aus dieser Zeit an – mal wehleidig, mal schmunzelnd. Alles was ich damals erlebte – mein falsches und mein richtiges Handeln – machte mich zu dem Menschen, der ich heute bin. Es war ein extrem holpriger Weg. Aber ich glaube so ganz und gar falsch war er dann doch nicht.

PS: Ich glaube, ich könnte mittlerweile sogar an ein Klassentreffen denken, ohne dass sich mir der Magen umdreht. Viel lieber würde ich aber all die Menschen wieder treffen wollen, die ich auch heute noch – rückblickend – als echte Freunde bezeichnen würde, auch wenn sich unsere Wege irgendwann trennten.

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15 Gedanken zu “Gab es die 1990er wirklich? Ein Rückblick mit Ausblick

  1. Vieles kommt mir ziemlich bekannt vor: Ein paar wenige sehr gute Freunde, die Außenseiterrolle in der Schule, (berechtigter) Stress mit den Eltern und größtenteils sehr doofe Erinnerungen – z.B. bin ich 1997 von der Schule geflogen. Statt gemeinsamer Zeit mit einer großen Liebe hat bei mir aber die Bundeswehr den letzten Teil der 90er eingenommen 😉

    So weit wie Du, dass ich z.B: gern Fotos von damals anschaue, bin ich aber noch nicht. Ich tue mich nach wie vor schwer mit diesem Teil meiner Vergangenheit. Ganz richtig und toll finde ich aber die Schlussfolgerung, dass auch schwere Zeiten ein wichtiger Teil der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit sein können.

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  2. Bei mir ist es auch andersrum. Während ich zu Schulzeiten noch dachte: „Ich muss unbedingt nen Doktor machen, reich werden und es beim Klassentreffen allen unter die nase reiben“ bin ich jetzt bei einem zufriedenen „Keiner dieser Idioten ist auch nur eine weitere Sekunde meines Lebens wert.“
    Mich hat die Schulzeit größtenteils nur traurig gemacht. Ich bin so froh, dass es vorbei ist.

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  3. Lustig finde ich auch, dass Eltern, Großeltern, Lehrer und sonstige Erwachsene mir früher immer gesagt haben, dass ich mir irgendwann noch mal wünschen würde, wieder zur Schule zu gehen. Bisher, mit fast 35, ist bei mir Wunsch in Sicht, nochmal minderjährig und Schüler zu sein 😉

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  4. Und ich kann dir danken….. durch dich ist meine Jugend immer Interessant und sehr wertvoll gewesen. Einige großartige Momente haben wir erlebt. Und in meinen Augen bist du immer deinen Weg gegangen, das fand ich beeindruckend.

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  5. Das spricht mir alles so aus der Seele…Anders war ich schon immer, blöd waren die Leute in der Schule auch, die das nicht akzeptiert haben und glücklich war ich erst zu Hause bei meinen Büchern. Wirkliche Freunde habe ich auch erst Ende der 90er kennengelernt, natürlich nicht in der Schule! Und mir geht es ähnlich wie Anna, ich habe noch eine Weile gedacht „ich muss unbedingt Karriere machen, damit ich es denen zeigen kann“, aber nach einer Weile waren sie mir sehr egal und sind es einfach nicht wert!

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    • Es beruhigt mich irgendwie, dass ich mit diesen Gedanken nicht allein bin. Eine Frage beschäftigt mich jetzt aber doch noch:
      Erstaunlich viele Menschen, die ich heute als gute Freunde bezeichne, schreiben mir, dass sie ähnliches erlebt haben, ähnliche Erinnerungen an die Vergangenheit haben. Was hat das Erlebte mit uns angestellt? Wie sehr hat es uns geprägt? Schenken wir jenen Menschen aktiv unser Vertrauen, die ähnliches erlebt haben? Ich weiss es nicht. Bin aber dankbar und froh über jeden Freund, der mich versteht.

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