100x hab ick Berlin verflucht…

„Zufällig“ habe ich gestern ein Lied meiner Kindheit wieder gehört… Ok, ja, ich habe in einem Anfall von Nostalgie das ganze Album auf meinen „Auto-Mucke-USB-Stick“ geladen.

Na, jedenfalls war da dieses 30 Jahre alte Lied von Helga Hahnemann… und ich konnte es bis zum letzten Textfitzelchen mitsingen. Gruselig.

Worauf ich aber eigentlich hinaus will ist: das Lied „100x Berlin“ ist heute noch genauso aktuell wie damals. Erschreckend.

Hat sich in all den Jahren gar nicht so viel geändert?

Zum Beweis ein paar Zeilen aus den Lyrics:

  • „Wir sind allet janz normale Verrückte.“
  • „Aber nicht nur antike Statuten haben wa. Nee, och haufenweise Touristen Von übern großen Teich und hintern Mond“
  • „Von wegen, wir Berlinerinnen sind schnüppe, wir könn allet vertrajen, bloß keene Wiederworte.“
  • „Die Meister von Jaspedal sind unsre Taxifahrer. Deshalb werden se selten erwischt – weder vonne Radarfallen noch vonne Fahrjäste“ – Sorry Sash 😉
  • „Alle sagn, icke und wir haben ne große Schnauze. Mensch die brauchen wa doch och – schließlich tragn wa unser großes Herz uff de Zunge“

Und dann natürlich der Refrain…

„Hundert mal hab ick Berlin verflucht
Hundert mal weit weg mein Glück jesucht
Hundert mal jeheult, Du machst mich krank
Hundert mal jebetet, Jott sei Dank
Hundert mal jesacht, mit Dir is Schluß
Hundert mal kam ick von dir nich los
Hundert Pillen haun dajegn nich hin,
Dit sitzt zu tief, Dit sitzt hier drin“

Da ich schon oft temporär in anderen Städten gelebt habe, kann ich diese Zeilen nur unterschreiben. Gegen Berlin ist einfach kein Kraut gewachsen.

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Und plötzlich schunkelte ich mit

Der Berliner an sich mag keinen Karneval. Die Berlinerin auch nicht…

  • Pünktliche und verordnete Gruppenfröhlichkeit
  • Dröge Witze auf den Sitzungen
  • Ein Umzug der Selbstbeweihräucherung von Karnevalsvereinen
  • Überall betrunkene Leute
  • Was erstaunlich ist, da es nur dünnes „Bier“ in winzigen Gläsern gibt

Muss man nicht mitmachen… kann man aber. Und ich wollte dieses Treiben erleben. Einmal – schauen, wie das so ist. Verdammte Neugier!

Wie gut, dass der Andy jeden Mist mitmacht… also haben wir uns äußerst praktische und unglaublich süße Panda-Kostüme besorgt (natürlich bei Maskworld) und sind mal eben nach Köln gefahren.

So. 07.02.2016

Roadtrip – frühes Aufstehen war angesagt – schließlich trennten uns etwa 6 Stunden Autofahrt von einem kleinen verschlafenen Dorf in der Nähe von Köln. In Rommerskirchen sollte uns das erste bisschen Karneval erwarten. Ein lokaler Umzug (Veedelszug) – natürlich nur echt erlebbar, wenn man gute Freunde hat, die da auch wohnen. Von liebevoll gestalteten Wagen – meist von Traktoren gezogen – wurden Kamelle und auch der eine oder andere Kurze geworfen. Die Kinder hatten definitiv ihren Spaß – und wir irgendwie auch. Ich glaube aber, das lag vor allem daran, dass meine Freunde so gut für uns sorgten und wir uns nicht so verloren vorkamen, wie ich es befürchtet hatte. Noch war das ganze Karnevalstreiben irgendwie befremdlich… lustig aber doch seltsam fremd.

Den Abend verbrachten wir dann schon in Köln (keine Bange – Andy hat einfach nichts zu trinken bekommen und musste dann den Rest fahren)

Zum schlafen gehen war es aber noch deutlich zu früh… also zogen wir noch ein wenig um die Ehrenfelder Häuser und fanden dann nach langem Hin- und Her die Moselstube, in der schon ordentlich Party angesagt war. Drinnen kamen wir dann das erste Mal mit kölschem Liedgut in Kontakt und drückten uns lieber in einer der Ecken rum statt im Getümmel mitzutanzen. Erstmal beobachten das Ganze. Erstaunlich fanden wir, dass das Publikum sehr gemischt war. Von ganz jungen Menschen – die wohl grade mal so Bier trinken dürfen – bis hin zum Rentner feierten alle ausgelassen miteinander. Irgendwann wurde es dann aber doch sehr voll und wir beschlossen, weiter zu ziehen und fanden auch eine sehr nette Kneipe mit witzigen Gästen und irgendwie wollte auch niemand Geld für Kölsch von uns nehmen. Jep… Kaum sind wir drei Stunden in Köln, haben wir schon die erste Privatparty gecrasht. Unabsichtlich natürlich. Wir entschuldigten uns so eloquent wie es nur ging beim Gastgeber und machten uns schnell auf die Socken.

Mo. 08.02.2016

Düsseldorf – abgesagt, Mainz – abgesagt… sind wir etwa 600km ganz umsonst gefahren? Würde der Kölner Rosenmontagsumzug ebenfalls einer unsicheren Wetterlage mit drohendem Sturm und Gewitter zum Opfer fallen? Nein! Die Kölner specken einfach den Umzug ab. Keine großen Aufbauten auf den Wagen und keine Pferde, so dass die Gefahren durch etwaige starke Böen nicht mehr gegeben waren.

Also machten wir uns frohen Mutes auf in die Südstadt. Laut mobiler Webseite der Stadt Köln gibt es dort ein paar Eckchen, wo das Gedrängel nicht ganz so groß ist. Und tatsächlich ergatterten wir einen Platz in erster Reihe und bestaunten so den Kölner Rosenmontagsumzug. Ein paar ungeordnete Gedanken dazu:

  • Politische Aussagen waren eher wenig zu sehen – wahrscheinlich wegen der fehlenden Aufbauten. Das war schade.
  • Die ewigen Rufe (fast schon an Bettelei erinnernd) nach „KAMELLE!!!“ gingen mir dezent auf die Nerven.
  • Ich bekam ein Strüssjer (Blümchen) – das war so süß!
  • Es gab erstaunlich wenig Musik von den Wagen – dafür aber um so mehr von den fantastischen Kapellen
  • Andy: „Weder Fotos noch Übertragungen im Fernsehen konnten mich auf die unvergleichliche Stimmung vor Ort vorbereiten.“
  • Köln hat echt eine Menge Karnevalsvereine
  • Die Funkenmariechen haben meinen größten Respekt für die sportlichen Leistungen
  • 4 Stunden rumstehen sind aber auch anstrengend

 

Nach einem leckeren Burger im Bird Cologne und einem Nachmittagsschläfchen verbrachten wir den Abend dann in einem Irish Pub (klar, was sonst?). Dort war richtig Stimmung und die Musik wechselte zwischen Partyklassikern, kölschem Liedgut und Schlagern. Vielleicht war das nur die kölsche Freundlichkeit – aber recht viele Mitfeiernde lobten die Auswahl unserer Kostüme. Mittlerweile waren wir auch schon soweit angesteckt, dass wir ebenfalls das Tanzbein schwungen. Fühlte sich irgendwie auch ähnlich an wie in der Hafenbar – nur kostümiert.

Di. 09.02.216

Am Veilchendienstag hätten wir uns noch jede Menge Veedelszüge anschauen können – aber wir zogen es vor, klassisches Sightseeing und Shopping zu unternehmen.

Am Abend zuvor hatten wir den Tipp bekommen, dass „Em golde Kappes“ genau der Ort wäre, wo wir sein wollen für die letzten Stunden Irrsinn bevor am Aschermittwoch alles vorbei sei. Da überlegten wir nicht lange, schwangen uns wieder in unsere Panda-Kostüme und fuhren den weiten Weg nach Nippes. In der urkölschen Kneipe erlebten wir dann wohl das traditionellste was man am Karneval mitmachen kann:

  • nur kölsches Liedgut – den ganzen Abend lang
  • Kölsch für lächerliche 1,40 Euro
  • die obligatorische Nubbelverbrennung (der größte Dreckssack von Nippes)

Wir waren offenbar die einzigen Fremden dort und ein Kollege der Nippeser Bürgerwehr war auch ehrlich erstaunt: „Ihr fahrt aus Berlin hierher? Und dann kommt ihr nach Nippes???“

Ja – für den einen oder anderen grandiosen, witzigen, lauten, verkleideten, kölschen Karnevalsabend – machen wir das. Vielleicht werden wir sogar Wiederholungstäter. Aber verratet das niemandem in Berlin.

Fotos: überwiegend von Andreas Kruck (ein paar wenige von mir selber)

LARP: Back to the Roots

„Wir verkleiden uns wie bei ‚Herr der Ringe‘, zelten, sitzen am Lagerfeuer und singen, laufen durch den Wald und erleben fantastische Abenteuer. Kein Mobiltelefon, keine Uhr – der übliche Alltag wird für einige Tage vergessen.“ So oder ähnlich erkläre ich meiner Oma, was LARP ist und was ich da so tue. So einfach diese Beschreibung ist, so richtig ist sie meiner Meinung nach doch. Leider war sie lange Zeit nicht ganz wahr. Abenteuer habe ich auf den letzten Veranstaltungen nicht erlebt. Das lag keinesfalls an der Orga oder an den Mitspielern. Vielmehr war ich zu einem Gewandungsgriller mutiert. Eigentlich kann ich mich auch nicht erinnern jemals aktiv und aus eigenem Antrieb am Plot teilgenommen zu haben. Dieser Umstand wurde mir so richtig bewusst, als ich im letzten Jahr Mythodea mit sehr ambivalenten Gefühlen verließ.
Darum beschlossen der Gehirnstürmer und ich auf meine Initiative hin, dass wir die Sache mit dem „richtig spielen“ mal ausprobieren. So mit „die ganze Zeit IT bleiben“ und so. Er selbst war früher ein sehr aktiver Spieler – hatte aber in den letzten Jahren auch das Interesse an Abenteuer und Plot verloren. Also suchten wir uns eine kleine aber feine Veranstaltung raus, auf der wir möglichst niemanden kannten. Unsere Hoffnung: wenn wir nicht auf Freunde treffen, bleiben wir IT.

Tatsächlich hatten wir dort ein wunderbares langes Wochenende und erlebten all die wunderbaren Dinge, die zu einem ordentlichen LARP gehören:

  • Ein etwas konfuser aber netter Plot, der uns die ganze Zeit IT hielt
  • Unfassbar nette Mitspieler
  • NSCs, die ihre verschiedenen Rollen unglaublich schön spielten
  • Leckeres – über offenem Feuer gekochtes – Essen
  • Ein lustiger Abend in der Taverne
  • Spannende Abenteuer im Wald („Wir sind ehrliche Räuber!“)

Anders als auf den letzten Veranstaltungen spielten wir tatsächlich die ganze Zeit und erlebten die Abenteuer von Tiberius und Alia sehr intensiv. Es gab nur wenige kurze Phasen, in denen Gehirnstürmer und Bea miteinander sprachen. Am Samstag Abend durften wir sogar eine Hauptrolle für die Lösung des Plots einnehmen und der Gehirnstürmer spielte seinen Part, die bösen Mächte zu verbannen, angemessen laut und mit viel Pathos. Ich bekam eine Gänsehaut als ich bemerkte wie viel Spaß er dabei tatsächlich hatte. Auch unsere Mitspieler sprachen ihm später Respekt und Lob für die großartige Show aus.

Auf dem Rückweg ließen wir die vergangenen Tage Revue passieren und stellten erfreut fest:

  • Der Gehirnstürmer hat es noch voll drauf!
  • Ich selbst habe noch nie so viel Freude, Nervenkitzel aber auch Entspannung beim LARP erlebt.
  • Wirklich zu spielen macht deutlich mehr Spaß als in Gewandung am Grill zu sitzen.
  • Kleine Cons sind so viel schöner als große.

Fakt ist: Beim nächsten Mal machen wir es ganz genauso. Ich lasse mir diesen neu gewonnenen Spaß an unserem Hobby nicht mehr nehmen. Natürlich ist es viel bequemer ein Wochenende lang im Lager zu entspannen – das macht wenigstens keinen Muskelkater – aber es ist so viel erlebnisreicher und spannender sich den angebotenen Abenteuern zu stellen.

Ich möchte mich an dieser Stelle auch herzlich bei allen Mitspielern, NSCs und natürlich der Orga „Tiratment“ für dieses gelungene Wochenende bedanken.

Zivilcourage – so macht man es nicht

Ich glaube von mir selbst, ein moralisch relativ gefestigter Mensch zu sein. Meine Wertvorstellungen für ein menschliches Miteinander orientieren sich grob an christlichen Werten und werden durch Vernunft ergänzt. Bisher glaubte ich auch, für eine bessere Welt einstehen zu können. Da wurde ich heute leider eines besseren belehrt. Und das macht mir Angst. Furchtbare Angst.

Die letzten zwei Nächte verbrachte ich in einem ganz passablen Hotel in Ingolstadt. Man gab sich Mühe den Anschein eines feinen Hotels aufrecht zu halten – an einigen Kleinigkeiten war aber doch die Mittelklassigkeit zu spüren. Aber was soll’s – ich hatte auch schon schlimmere Hotels. Aufgrund viel liegengebliebener Arbeit entschied ich mich dennoch, auf der Terrasse des Hotels einen kleinen Happen zu Abend zu essen und bei einem Gläschen Wein die Arbeit zu erledigen. Das war eine folgenschwere Entscheidung…

Auf der Terrasse saß auch schon eine Gruppe Männer mittleren Alters beim Feierabendbierchen. Der einzig freie Platz war der Tisch daneben. Ich freute mich, dass diese Truppe mich einfach ignorierte – das letzte was ich nach einem anstrengenden Arbeitstag gebrauchen konnte war smalltalk – oder schlimmer – prolltalk. Zunächst unterhielten sich die Herren in normaler Lautstärke (also… was man für solche Gruppen als normal ansieht). Erst als ein junger Mann ohne Haare und vielen Tattoos hinzukam explodierte die Stimmung. Es wurde gejohlt und gebrüllt.

„Nagut, lass die Jungs halt ihren Spaß haben und verzieh dich nach dem Essen direkt auf dein Zimmer“ Klingt nach einem guten Plan, oder? Aber ich traute meinen Augen kaum, als ich beobachteten musste, wie der jungen Mann sich stramm an denn Tisch der Gruppe platzierte und „den Gruß“ unter viel Gejohle seiner Kollegen zelebrierte. Ab diesem Zeitpunkt wurden die Gespräche unerträglich rassistisch, homophob und frauenfeindlich. Die Kellnerin (gutaussehend und augenscheinlich aus dem Süden Europas) musste einige derbe Sprüche über sich ergehen lassen. Diese reichten von der übelsten Anmache bis hin zu „Was willst du eigentlich in Deutschland? Wir haben ja nichts gegen andere Weiße – aber deutsch müsst ihr schon sprechen.“ Sie schickte alsbald nur noch ihren Kollegen auf die Terrasse. Mich selbst ignorierten die Typen weiterhin. War wohl mein Glück – blond, deutsch, zum anbaggern nicht hübsch genug. Ich wechselte Blicke mit anderen Gästen und scheinbar waren alle ziemlich genervt von dieser Truppe. Mit zunehmenden Alkoholkonsum wurden die Gespräche am Nachbartisch nicht besser… Eher lauter und noch dümmer. Ich folgte also meinem Plan und verschwand so bald ich gegessen hatte.

Auf meinem Zimmer angekommen quälten mich drei Fragen:

  • Wieso habe ich nichts zu den Typen gesagt?
  • Wieso haben die anderen Gäste nichts gesagt?
  • Wieso hat der Kellner nichts gesagt?

Das Verhalten dieser Truppe war deutlich nicht akzeptabel – insbesondere nicht gegenüber der Kellnerin. Warum hat dem also niemand Einhalt geboten? Ich für meinen Teil hatte einfach Angst. Irgendwie war ich mir sicher, dass sie in der Öffentlichkeit nicht aggressiv werden – aber allein schon die Möglichkeit verbaler Gewalt machte mich fertig. Außerdem konnte ich mir der Unterstützung der anderen Gäste nicht 100%ig sicher sein. Zwar rollten alle ab und an mit den Augen – aber gesagt hat niemand was. Auch das Personal des Hotels nahm die lauten, rassistischen Sprüche schweigend in Kauf – schließlich machte man mit den Unmengen an Bier guten Umsatz.

Ich habe zwar nicht viel aus dem Geschichtsunterricht in der Schule mitgenommen, aber wenn ich eins gelernt habe, dann das: Schweigen zu unrechten Taten ist keine Option. Und doch habe ich es getan… Alle Anwesenden haben es getan… Und damit haben wir uns ein wenig mitschuldig gemacht.

Du sollst mich lieb haben!

In den meisten Fällen überlege ich mir sehr genau, was ich in meinem Twitter Account so von mir gebe, auch wenn ich mein Geschreibsel gern als „Gedankenmüll“ bezeichne. Vor Kurzem aber liess ich mich – meiner besten Freundin gegenüber – zu einer spontanen Reply hinreissen und schrieb ihr in etwa „Du sollst mich immer lieb haben!“. Der Zusammenhang spielt in der Tat keine große Rolle und im Moment des Schreibens und Sendens habe ich mir auch gar nicht viel dabei gedacht. Erst als ich ihre Antwort bekam, wurde mir klar, was ich da verlangt hatte. Natürlich hat sie mich lieb. Sonst wäre wir ja keine Freundinnen – schon gar nicht seit etwa 13 Jahren.

Aber darf man als erwachsener Mensch die Forderung „Hab mich lieb“ aussprechen? Auweia… das darf man natürlich nicht!

  • Man darf darum bitten, lieb gehabt zu werden.
  • Man darf selbst lieb haben.
  • Aber man darf Zuneigung nicht einfordern oder gar erzwingen wollen.

Wenn mich ein Mensch nicht lieb hat (so wie ich bin) – dann hilft auch kein Fordern, kein Drohen, kein Bitten, Flehen oder Hoffen. Wird schon Gründe haben…
Alles was bleibt ist die Selbstreflektion, warum das Gegenüber nicht meinem Wunsch entspricht, mich lieb zu haben. Oft finde ich banale Antworten, mit denen ich sehr gut leben kann. Manchmal tappe ich aber im Dunkeln und muss einfach die Situation akzeptieren. Nicht immer einfach. Ich mag es, gemocht zu werden.

Eine meiner größten Ängste ist es, dass sich Menschen, die ich mag oder sogar liebe einfach von mir abwenden. Diese Angst hat mich schon so viele falsche Wege gehen lassen, dass es selbst mir unheimlich ist. Einer dieser falschen Wege ist sicherlich auch, Zuneigung offen einzufordern.

Daher möchte ich mich hier und jetzt bei meiner Liebsten entschuldigen: War ein blöder Spruch, hat in den Kontext gepasst, war aber nicht so gemeint, wie ich es im nachhinein interpretiert habe. Ich hab dich lieb! Ohne Wenn und Aber ❤

Gab es die 1990er wirklich? Ein Rückblick mit Ausblick

Drüben bei Facebook fragte meine Jugendfreundin Christine heute „Sind wir uns eigentlich ganz sicher, dass es die 1990er Jahre wirklich gegeben hat? Und falls ja, warum erinnere ich mich dann an so gut wie gar nichts mehr…“

Ja es gab sie, da bin ich mir ziemlich sicher – denn ich erinnere mich noch sehr gut daran. Positiv wie auch negativ. Eigentlich sogar so negativ, dass ich die Freundin um ihre Gedächtnislücke ein wenig beneide.

In den 1990ern war ich Teenager – und zwar war ein furchtbarer:

  • Das erste Mal verliebt… natürlich in den tollsten und schönsten Jungen der Gegend. Für ihn war und blieb ich aber die Nachbarin mit der man als Kind tolle Buden gebaut hat, auf Bäume kletterte und diversen Unsinn anstellte.
  • Mein Drang „frei“ und „unabhängig“ in meinen Gedanken und in meinem Tun zu sein war überwältigend. Sehr zum Ärger meiner Eltern. Es gab ständig Streit. Dafür kann ich mich gar nicht genug bei meiner Familie entschuldigen.
  • Auf der Suche nach meiner eigenen Persönlichkeit verlief ich mich einige Male ganz mächtig in den verschiedensten Ecken menschlichen Daseins.
  • Ich war anders. Außenseiter par excellence. Das störte mich aber nur selten, denn ich wollte mich partout nicht den verschiedenen Gruppenzwängen aussetzen, um „nur“ dazu zu gehören.
  • Die zweite Hälfte der 90er verbrachte ich größtenteils mit meiner damaligen großen Liebe. Ein junger Mann, der ebenfalls nicht cool und hip war. Wir verstanden uns meistens prächtig und glaubten an das große Glück. Eine solche enge und langanhaltende Bindung im Teenageralter sehe ich heute als extrem schwierig an. Meiner gesamten Persönlichkeitsentwicklung, meinem Entdeckerdrang und besonders meiner sekundären Sozialisation habe ich damit jedenfalls keinen all zu großen Gefallen getan.

All das führte dazu, dass ich mir schon früh ein Selbstbildnis schuf, das auf Bestätigung von aussen angewiesen war und die eigene Rebellion gegen dieses Bild von mir machte mich zu einem unglaublich anstrengenden Teenager – sowohl für die Familie als auch für Freunde.

Aber ja, ich hatte Freunde. Sehr gute sogar. Wenn auch nur wenige. Die anfangs erwähnte Jugendfreundin Christine gehörte in jedem Fall dazu. Mit diesen Freunden erlebte ich auch viele wunderbare Momente, die es wert sind, sich zu erinnern. Wir teilten das schwere Los des „Erwachsenwerdens“, lachten und weinten gemeinsam. In den späten 1990ern sorgte ich mit meinem Verhalten aber leider auch dafür, dass sich in ein paar Fällen „Freunde“ (aka Menschen, die ich dafür hielt) von mir abwandten. Die Schule wurde für mich zu einem sozialen Pflichtprogramm. So gern ich auch lernte – ich hasste es dort hin zu gehen. Die Kür fand dann am Nachmittag statt – wenn ich so sein durfte wie ich war, wenn ich meine wahren Freunde treffen konnte.

Was genau stellt man mit einer solch verkorksten Jugend an? Man lässt sie einfach hinter sich, vergisst sie, meidet alles und jeden was die Erinnerung an diese Zeit aufleben lassen könnte. Geht ganz einfach – habe ich jahrelang so gemacht.

Ich kann weder Zeitpunkt noch Ursache genau benennen – aber irgendwann blickte ich nicht mehr mit schlechten Gefühlen in die 1990er zurück. Heute sehe ich mir sogar gern Fotos aus dieser Zeit an – mal wehleidig, mal schmunzelnd. Alles was ich damals erlebte – mein falsches und mein richtiges Handeln – machte mich zu dem Menschen, der ich heute bin. Es war ein extrem holpriger Weg. Aber ich glaube so ganz und gar falsch war er dann doch nicht.

PS: Ich glaube, ich könnte mittlerweile sogar an ein Klassentreffen denken, ohne dass sich mir der Magen umdreht. Viel lieber würde ich aber all die Menschen wieder treffen wollen, die ich auch heute noch – rückblickend – als echte Freunde bezeichnen würde, auch wenn sich unsere Wege irgendwann trennten.

„Vor 10 Jahren mochte ich dich nicht, jetzt schon“

In einer Bierlaune gab ich vor einiger Zeit genau diese – eigentlich völlig belanglose – Information an eine Herzfreundin weiter. Was ich mir dabei gedacht habe? Nichts! Die Herzfreundin machte sich aber Gedanken in ihrem Blog, die mich tief bewegten: http://kleinekramkiste.de/2013/10/11/fragzeichen/

  1. Hat sie absolut recht: Menschen, die mir nicht gut tun, haben nichts mehr in meinem Leben verloren. Diesen Grundsatz habe ich bereits vor einiger Zeit erfolgreich umgesetzt.
  2. Frage ich mich jetzt, wie es dazu kam, dass wir mittlerweile so gute Freundinnen wurden

Vor etwa 10 Jahren lernte ich ein paar Menschen kennen, die ich auf Grund ihres Verhaltens nicht sehr schätzte. Der Kontakt verlief sich auch extrem schnell wieder und ich gab das gemeinsame Hobby auf. Das hatte zur Folge, dass ich auch sehr nette Menschen nicht mehr traf. Dank Twitter und einer unglaublich langweiligen Party traf ich jemanden wieder, mit dem ich heute den Großteil meiner Freizeit verbringe. Aufmerksame Leser meines Blogs werden schon ahnen, dass es sich hierbei nur um den gehirnstürmer handeln kann. Durch ihn entdeckte ich auch das Hobby „Larp“ wieder, was zwangsläufig dazu führte, dass ich viele Menschen von damals wieder traf. Wer mich kennt, weiß, dass ich offen bin, neue Menschen kennen zu lernen. Aber hat jemand mein Vertrauen und meine Freundschaft verspielt, führt uns so schnell kein Weg wieder zusammen.
So blieb es dann auch bei einer etwas eisigen Stimmung bei diversen Veranstaltungen. Ich traf in diesem Zuge auch die heutige Herzfreundin wieder. Irgendwas war aber anders. Ich konnte sie nicht, wie ich es gern bei anderen tat, einfach ignorieren, weil der gehirnstürmer sie dafür viel zu lieb hat. Nur wenige Treffen später stellte ich erfreut fest, dass sie nicht mehr die gleiche Person ist, die ich vor 10 Jahren kennenlernte. Im Gegenteil: warmherzig, oft gut gelaunt, schonungslos ehrlich – um nur einige wenige Eigenschaften aufzuzählen, die ich heute so sehr an ihr schätze.

Jetzt stelle ich mir aber folgende Fragen:

  • Hätte ich ihre neuen Seiten kennengelernt, wäre ich durch unseren gemeinsamen Freund nicht quasi gezwungen worden?
  • Bilde ich mir zu schnell eine Meinung über Menschen?
  • Sollte ich Menschen in meiner Umgebung mehr Chancen geben – auch wenn sie keinen Platz mehr in meinem Leben verdient hätten?

Menschen ändern sich… Das ist keine Neuigkeit für mich – und doch war ich immer extrem verschlossen, wenn Menschen mich einmal dazu gebracht haben, dass ich sie nicht mehr mag – oder noch schlimmer: dass sie mir gleichgültig wurden. Mich so weit zu bringen braucht schon sehr viel Ausdauer oder wirklich, wirklich mieses und hinterhältiges Verhalten. Aber wenn es soweit ist, bin ich festgefahren. Sollte ich das vielleicht ändern? Eine weitere Chance vergeben? Menschen ändern sich… Und im Fälle meiner Herzfreundin bin ich sehr froh, dass sie diese Chance erhalten hat. Ich bin froh, dass ich über meinen eigenen Schatten gesprungen bin. Vielleicht kann ich das für andere Menschen in meiner Umgebung auch machen… Und vielleicht gehen dafür nicht erst sieben Jahre ins Land.